Die Kleinbahn Goldbeck - Werben
Vorgeschichte
Die Wische im Nordosten der Altmark, zwischen Elbe im Osten
und den Flüssen Biese und Aland im Westen, wird schon seit Jahrhunderten
von der Landwirtschaft geprägt. Zahlreiche Gräben zur Entwässerung
durchziehen diesen Landstrich. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts
entwickelte sich die Wische zu einem Zentrum des Zuckerrübenbaus.
Maßgeblichen Anteil daran hatte der Rittergutsbesitzer Phillip Freise,
der um 1885/86 das Gut Iden in der Nähe von Goldbeck erwarb und zu einem
landwirtschaftlichen Großbetrieb ausbaute. Auf einem Großteil seiner
Flächen ließ Phillip Freise zu Iden Zuckerrüben anbauen. Zur
Verarbeitung dieser Rübenentstand unter seiner Regie in Goldbeck eine Zuckerfabrik,
deren Hauptaktionär er war.
Zum billigen Transport der Rüben zur Fabrik ließ Freise eine rund
neun Kilometer lange Anschlußbahn von der Zuckerfabrik Goldbeck über
Walsleben und Rohrbeck bis zu seinem Gut Iden bauen. Diese Bahn nahm am 1. April
1886 den Betrieb auf. In Goldbeck bestand weiterhin Anschluß an die am
1. Juli 1849 eröffnete Strecke Magdeburg-Stendal-Wittenberge.
Bau und Eröffnung
In der Kleinstadt Werben verfolgte man den Bau der Rübenbahn
mit großem Interesse, denn nach der Inbetriebnahme der Strecke Magdeburg-Wittenberge
war Werben ins Abseits geraten. Der hiesige Elbübergang hatte im Wettlauf
mit der Eisenbahn verloren. Obwohl Werbens Stadtväter Freise immer wieder
zu einer Verlängerung der Strecke aufforderten, lehnte dieser mit Hinweis
auf die zu erwartenden Kosten ab. Lediglich bis Giesenslage baute er die Strecke
aus.
Erst mit dem preußischen Kleinbahngesetz von 1892 kam wieder Bewegung
in die Verhandlungen. Auch Phillip Freisezu Iden erkannte die Chancen des Gesetzes
und beantragte beim Magdeburger Regierungspräsidium für seine Rübenbahn
eine Konzession als Kleinbahn sowie deren Verlängerung von Giesenslage
nach Werben. Am 12. November 1896 gab der Regierungspräsident dem Antrag
Freises statt.
Freise gründete anschlißend mit einer Stammeinlage von einer Million
Mark die "Kleinbahn m.b.H. Goldbeck-Werben (Elbe)" (KGW), deren alleiniger
Inhaber er war. Die Betriebsführung auf der Kleinbahn vergab Freise an
die Betriebsabteilung Halle/Saale von Lenz & Co. Mit dem Bau des Abschnittes
Giesenslage-Werben beauftragte die KGW die Firma Knoch & Kallmeyer. Die
örtliche Bauausführung und Überwachung oblag dem noch jungen
Ingenieur Heinrich Adrian, der später noch für den Bau weiterer Strecken
in der Altmark verantwortlich sein sollte. Am 1. Oktober 1898 war es endlich
soweit: Der Eröffnungszug traf im festlich geschmückten Bahnhof Werben
ein.
Betrieb und Verkehr (bis 1927)
Doch den Werbenern reichte die Kleinbahn noch nicht. Sie
wollten auch einen Gleisanschluß für ihren Elbhafen haben. Mit diesem
Wunsch stießen sie bei Phillip Freise zu Iden auf taube Ohren. Er weigerte
sich partout, das Anschlußgleis zu bauen. Erst nach massiven Druck seitens
des Regierungspräsidiums Magdeburg und des Ministerium für öffentliche
Arbeiten in Berlin gab Freise im November 1905 nach. Die Kosten für die
notwendige Aufschüttung eines Dammes und den Gleisbau trug allerdings die
Stadt Werben. Binnen weniger Monate waren die Bauarbeiten beendet. Werben besaß
nun einen sehr gut erschlossenen Hafen.
Die Kleinbahn erfüllte die in sie gesetzten Hoffnungen. Der Güterverkehr
dominierte von Anfang an, unterlag aber starken saisonbedingten Schwankungen.
Während der Zuckerrüben-Kampagne herrschte Hochbetrieb auf der Kleinbahn.
Der Personenverkehr war relativ konstant. Im Geschäftsjahr 1901 beförderte
die KGW rund 47.000 t Güter und über 24.000 Fahrgäste. Die Einnahmen
beliefen sich auf genau 52.249,50 Mark. Für die Abwicklung des Betriebes
genügten zehn Beamte und zwei Arbeiter.
Während des ersten Weltkriegs konnte die KGW, wie viele andere Kleinbahnen auch,
ihren Betrieb nur mit großen Einschränkungen aufrechterhalten. Daran
änderte sich auch 1918 nichts. Zwischen 1919 und 1920 gab es Überlegungen,
die Wische durch eine Kleinbahn von Werben nach Seehausen an der Strecke Stendal-Wittenberge
zu erschließen. Obwohl die Planungen unter der Regie der Provinz Sachsen
abgeschlossen waren, scheiterte das Projekt letztlich am Widerstand eineiger
Gemeinden und Grundbesitzer. Letztere wollten keinen Grund und Boden für
den Bahnbau hergeben.
Anfang der zwanziger Jahre hatte sich die Lage der KGW noch nicht entspannt.
Im Sommer 1921 verkehrten täglich zwei Zugpaare sowie mittwochs und samstags
ein drittes. Nach der Inflation setzte man die Stammeinlage der Gesellschaft
auf 350.000 Mark fest. Mitte der Zwanziger Jahre nahm der Verkehr zwischen Goldbeck
und Werben wieder zu. Im Sommer 1926 pendelten auf der Kleinbahn täglich
drei Zugpaare. Der schnellste Zug legte die 19,6 km lange Strecke in 75 Minuten
zurück. Auch die Beförderungsleistungen stiegen an. Rund 48.000 Fahrgäste
und fast 46.000 t Güter verzeichnete das Geschäftsjahr 1926/1927.
Im Jahr 1927 lief schließlich der Betriebsvertrag mit Lenz & Co. aus.
Da man den Vertrag nicht weiter verlängerte, übernahm die KGW den
Betrieb in eigener Regie. Freises Schwiegersohn wurde der neue Betriebsleiter.
aus: "Archiv deutscher Klein- und Privatbahnen" von List, Röper und Zieglgänsberger, erschienen im Transpress Verlag 1998
1. Übersicht aus dem Jahre 1938
| Kapital in RM | 350.000 |
| Strecke in Metern | 26430 |
| Arbeiter und Angestellte | 37 |
| Dampfloks | 3 |
| Personenwagen | 3 |
| Gepäckwagen | 2 |
| Güterwagen | 84 |
| Spezialwagen | 2 |
| beförderte Personen | 37.451 |
| beförderte Güter in t | 62.319 |
| Personen-Kilometer | 449.000 |
| Güter-Kilometer | 798.000 |
2. Dampfloks
| Name | Betriebs-Nr. | DR-Nr. | Bauart | Gattung DR | Baujahr | Fabrik-Nr. | Hersteller |
| Freise | 1 | - | Bn2t | - | 1886 | 1738 | Krauss |
| Kolle | 2 | - | Bn2t | - | 1893 | 2847 | Krauss |
| Boetel | 3 | - | Bn2t | - | 1901 | 3742 | Hanomag |
| - | 4d | - | Bn2t | - | 1900 | 1185 | Hohenzollern |
| Freise | - | - | Bn2t | - | 1905 | 3745 | Hanomag |
| Kolle | - | - | Bn2t | - | 1906 | 3746 | Hanomag |
| Kolle | - | 5 89 6168 | Cn2t | Gt 33.11 | 1930 | 21705 | Henschel |
| Boetel | - | 6 89 6117 | Cn2t | Gt 33.11 | 1902 | 971 | O&K |
| Freise | - | 7 89 6204 | Cn2t | Gt 33.12 | 1902 | 962 | O&K |
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Lok "Freise" der GWE im Jahr 1943. Wegen der kriegsbedingten Verdunklungsvorschriften waren die Scheinwerfer abgeblendet. *) |
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Werben (Elbe) 1955: Die alte Boetel hier schon als DR 89 6117 *) |
3. Wagen
| Anzahl | BCi | Ci | Pw | Nummern | Bemerkung |
| 6 | 2 | 2 | 2 | 1-4, 61-62 | verm. alt gekauft |
4. Einsatz der Loks mit DR-Nummer nach 1950
| 89 6117 | Bw Stendal 1952/56 verkauft 1957 |
| 89 6168 | Bw Stendal 1950/53 - Bw Salzwedel 1956/58 - Bw Stendal 1961/65, |
| ausgemustert 1.10.1966 - zerlegt 18.12.1966 Oschersleben | |
| 89 6204 | Bw Stendal 1950/53 verkauft 1959 |
5. Anzahl der täglichen Züge
| 1907 | 1928 | 1944 | 1969 | 1976 |
| 6 | 7 | 10 | 9 | keine |
aus: "Kleinbahnen der Altmark" von Dipl.-Ing. Wolfgang List, erschienen im Transpress VEB Verlag für Verkehrswesen Berlin, 1979, besonderer Dank an Michael Hoffmann, der diese Materialien bereitstellte.
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Das Bahnhofsgebäude Giesenslage **) |
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Das Bahnhofsgebäude Iden **) |
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letzte Fahrt der Kleinbahn Goldbeck - Werben am 25.09.71; Bahn nähert sich dem Bf Giesenslage **) |
*) Quelle: T3-Club
Ostheide
**) Quelle: Fam. Maaß, Giesenslage
WISCHEKURIER
letzte Aktualisierung: 29.12.2008 19:33 Uhr